Ge-Wissen

Marion Schneider, Juni 2026

Wir alle in Deutschland wissen, dass sich vieles ändern muss. Alte Strukturen hindern uns an dem Fortschritt, der notwendig ist, um den Anschluss an die Entwicklung der Welt zu finden.

Könnten nicht alle einfach bei sich selbst anfangen? Leider nicht.

Die meisten von uns haben keinen Einfluss auf die gegebenen Strukturen, sei es in der Kommunalverwaltung, sei es in der Schulverwaltung, sei es im Ausbildungssystem, sei es in politischen Strukturen oder sei es nur bei Themen wie Sport, Musik, Kunst oder Religion – auch hier sind die staatlichen Systeme vorgegeben und uns bleibt es nur, uns in ihnen zu bewegen. Was also tun?

Mein Vorschlag: Fangen wir einfach bei uns selbst an. Handeln wir nur noch so, wie es unser Gewissen zulässt oder uns gebietet. Das ist ja auch genau das, was das Grundgesetz von uns und unseren politischen Repräsentanten und Repräsentantinnen verlangt.

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
Art 4
 

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
Art 38 

(1) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.
(2) Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat; wählbar ist, wer das Alter erreicht hat, mit dem die Volljährigkeit eintritt.
(3) Das Nähere bestimmt ein Bundesgesetz.

Was ist das Gewissen? Es ist unser gewonnenes Wissen, und jede/r von uns hat ein anderes. Ist das nicht wunderbar? Millionen von Wissensträgern, die sich in ihrer bunten Vielfalt ergänzen und beflügeln. Bei was? Bei dem, was uns täglich begegnet.

Anstatt uns also voneinander abzugrenzen, handeln wir gemeinsam, indem wir unser Wissen und unsere Fähigkeiten einbringen.

Das Wort „Ge-wissen“ sagt auch aus, dass wir es schon wissen. Es ist nicht etwas, nach dem wir außerhalb von uns suchen müssen. Es ist in uns, und wir können ihm einfach Raum geben.

Alle kennen das: Wir tun etwas und merken, dass es nicht richtig ist. Das ist genau der Moment, zu handeln. Wenn wir es nicht richtig finden, tun wir es einfach nicht, tun etwas anderes oder sagen zumindest, dass wir jetzt etwas tun, was wir nicht richtig finden.

Eine solche Haltung wird viel ändern. Wir können auch anderen helfen, nach ihrem Gewissen zu handeln. So werden wir immer mehr. Wir können auch Netzwerke bilden und uns so auch langfristig gegenseitig stärken.

Ich stelle mir unseren Bundestag vor, in dem die Abgeordneten nur noch nach ihrem Gewissen abstimmen. Oder das Landratsamt oder die Stadtverwaltung, in denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich einig sind, dass sie das sagen, was sie wirklich denken und fühlen. Auch in den Schulen und in den Kindergärten, in den Unternehmen und den Handwerksbetrieben, in den Vereinen und den Kirchen können wir, wenn wir uns einig sind, eine andere Stimmung erzeugen: die des Aufbruchs.

Ich kann nicht vergessen, wie uns Ende der 1980er Jahre die Parole „Glasnost und Perestroika“ uns in unserem Aufbruch in eine neue Zeit bestärkte. Wir glaubten damals, es erreichen zu können, dass nun endlich Durchlässigkeit, demokratische Strukturen von unten nach oben und von oben nach unten sowie Verantwortlichkeit der Herrschenden ihrem Volk gegenüber durch Informations- und Rechenschaftspflicht Wirklichkeit würden. Ein Staatsmann aus Russland, ein Mann des Aufbruchs, hatte sich vorgenommen, dieses neue Zeitalter einzuläuten: Gorbatschow.

Und was ist nun daraus geworden? Den Elan von damals gibt es nicht mehr. Der Glaube an die Möglichkeit von Reformen in den gegebenen Strukturen ist erloschen. Die Liebe zur Veränderung und vor allem zur gegenseitigen Unterstützung ist nicht mehr zu finden.

„Ge-Wissen“: Die Silbe „ge“ ist in der deutschen Sprache sehr verbreitet, sowohl in Hauptwörtern als auch in Tätigkeitswörtern. Schauen wir uns einige an, um mehr über unser Gewissen zu erfahren.

Gelaufen“, „gesagt“, „getan“ – diese Wörter sagen, dass etwas schon geschehen ist. So auch unser Gewissen: Wir wissen, was zu tun ist.

Gefahr“, „Gehorsam“, „Gehupe“, „Geschrei“, „Geschehen“, „Gesagtes“ – alles ist schon da, so auch das Gewissen.

Nun liegt es an unserem Mut, dem Gewissen zu folgen, ehrlich zu sein und auch zu sagen und zu tun, was wir für richtig halten.

Mut kommt durch Wissen, aber auch die Gemeinschaft – sei es die Familie, seien es die Freunde, die Kollegen, die Nachbarn: stärken wir uns gegenseitig in dem Mut, unserem Gewissen zu folgen. Sagen wir „ja“ zueinander.

Illustration: KI-generiert.